Zivilcourage

Eines Abends besuchte mich meine Nachbarin Uta und sagte: „Du, ich muss dir erzählen, was mir heute passiert ist“. 
Es war zwei Tage vor Weihnachten und demzufolge ging es in allen Geschäften der Stadt äußerst hektisch zu. Alle Käufer hatten keine Zeit und die Verkäuferinnen wirkten angespannt und gestresst. Uta jedenfalls, hatte sich trotz dieser gereizten Stimmung in die Einkaufszone gewagt, um nach einem neuen Blazer Ausschau zu halten. Sie hatte auch schon einige Stücke, die die Verkäuferin ihr brachte, anprobiert, als diese plötzlich eilig nach draußen lief und völlig fassungslos nach einiger Zeit wiederkam.

"Stellen Sie sich vor", rief sie Uta zu, „die Dame, die mich eben nach einer Jacke gefragt hat, sollte mich nur ablenken, während ihre Komplizin draußen einen teuren Mantel im Wert von 400,- DM vom Bügel nahm und mitgehen ließ. Es war ein schöner kamelhaarfarbener Mantel, es ist nicht zu fassen, wie erkläre ich das nur meiner Chefin?“ „War das der Mantel, den die Kundin eben anprobiert hat?“ fragte Uta. „Ja, genau der, ich habe nur einen Augenblick nicht aufgepasst und schon war der Mantel weg“, klagte die Verkäuferin.
Uta sagte mir: „die Betroffenheit der jungen Verkäuferin hat mich den ganzen Tag verfolgt. Und nun kommt´s“ erzählte Uta, „um 19.00 Uhr war ich mit zwei Freundinnen in der Pizzeria „Pinocchio“ verabredet. Während wir so erzählen, bemerke ich 3 Frauen am Nebentisch und denke, woher kenne ich nur diese Frau? Ich konnte noch so sehr grübeln, aber mir fiel nicht ein woher ich sie kannte. Ich konnte mich kaum auf das Gespräch mit meinen Freundinnen konzentrieren, so sehr beschäftigte mich dieser Gedanke.
Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen, das war doch die Kundin, die ich in dem Geschäft gesehen hatte, als der Mantel geklaut wurde. Im Flüsterton berichtete ich meinen Freundinnen, was ich erlebt hatte und bat sie unauffällig zum Tisch dieser Damenrunde zu sehen. Oh, die packen ja Kleidungsstücke aus, sagte Irmi auf einmal. In diesem Moment drehte ich mich um und denke das kann ja wohl nicht wahr sein. Die eine der beiden hielt doch tatsächlich den gestohlenen Mantel in der Hand, und animierte ihre Nachbarin diesen doch einmal anzuprobieren. Alle drei waren begeistert, wie toll der Mantel passte und wie gut er der Frau doch stand. In diesem Augenblick fuhr auf der Straße ein Streifenwagen vor. Ich war gespannt, wie die drei sich nun verhielten. Aber, wenn ich nun gehofft hatte, dass man ihnen ihr schlechtes Gewissen ansehen könnte oder noch besser, dass sie ihrer gerechten Strafe zugeführt würden, so hatte ich mich kräftig geirrt. Die drei plauderten völlig unbeeindruckt und zwanglos weiter. Nun wurde es mir aber zu bunt, ich raunte meinen Freundinnen zu: „ die werde ich jetzt auf den Mantel ansprechen.“ „Bist du wahnsinnig Uta, das kannst du doch nicht machen“, war ihr Kommentar.
 „Und, ob ich das kann“ und ich ging schnurstracks auf den Tisch zu. Hören Sie mal, den Mantel haben Sie doch heute Mittag bei S.......... geklaut! „Was?“, war die Antwort und ein lahmes „der ist doch nicht geklaut.“
„Erzählen Sie doch nichts,“ meinte ich nun energischer, „es war genau dieser Mantel.“ „Nein, da müssen sie sich irren,“ antwortete nun die andere der beiden energisch.
Mit diesem Satz standen sie auf und hatten es plötzlich sehr eilig, das Lokal zu verlassen. Zu meinem Leidwesen sah ich, dass der Polizeiwagen seine Position verlassen hatte. Jetzt ging alles blitzschnell. Ich holte mir meinen Mantel von der Garderobe, rief meinen verdutzten Freundinnen zu: „bin gleich wieder da“ und nahm die Verfolgung auf.
Ich stürzte die Treppe hinunter, wo mich eine dieser „sogenannten Damen“ versuchte aufzuhalten, indem sie mich in ein Gespräch verwickeln wollte. Ich aber ließ mich nicht mehr aufhalten. Die beiden anderen Mittäterinnen verschwanden gerade um eine Straßenecke und ich im Laufschritt hinterher, nun kam mir mein regelmäßiges Joggen zugute. Es dauerte nicht lange und ich hatte wieder Sichtkontakt, da sah ich eine junge Frau an der Straße stehen, und bat diese, mir doch zu helfen, die Diebe zu verfolgen. Sie sah mich jedoch nur verständnislos an und meinte, sie würde abgeholt und könne nicht weg.
Also lief ich alleine weiter. Ich hatte die beiden Früchtchen in dem Moment eingeholt, als eine der Beiden gerade versuchte, den Mantel in einen Rucksack zu stopfen. Nichts da, rief ich, der Mantel gehört ihnen nicht und riss der Verdutzten das Teil aus der Hand. Sofort trat ich den Rückzug an. Die Frauen unternahmen erst gar keinen Versuch ihr entwendetes Beutestück zurückzuerobern sondern verschwanden in Richtung Parkplatz. Ich rannte nun wieder zu der Wartenden am Straßenrand, drückte ihr den Mantel in die Hand und befahl ihr, darauf aufzupassen. Mein Sieg machte mich übermütig, und ich beschloss, die Verfolgung wieder aufzunehmen, um mir das Autokennzeichen dieser Bande zu merken. Doch ich kam zu spät, leider sah ich nur noch die Rücklichter des Wagens.
Gott sei Dank, hatte die Wartende am Straßenrand den Mantel noch in der Hand. Ihr stand die Verwunderung noch im Gesicht, ob dieser sehr seltsamen Vorgänge. Ich hatte aber nun keine Lust sie aufzuklären, sondern bedankte mich nur, schnappte mir den Mantel und lief in Hochstimmung zum Lokal zurück.
Meine Freundinnen waren begeistert, als ich ihnen stolz das „corpus delicti zeigte. Beide hörten sprachlos meiner Schilderung zu und konnten es kaum glauben, dass ich mit meinen 56 Jahren noch auf Verbrecherjagd ging.
Jetzt konnte das Essen kommen, denn nun verspürte ich einen richtigen Heißhunger ob meines Unternehmensgeistes. Es wurde noch ein schöner Abend und ich freute mich schon auf den nächsten Tag, an dem ich meinen Erfolg in dem Geschäft präsentieren konnte.
Leider war besagte Verkäuferin an diesem Tag nicht da, so dass ich den Mantel der Chefin aushändigte, die sich vielmals dafür bedankte.
Nachtrag:
Zwei Monate später, als Uta mal wieder in diesem Geschäft war, schenkte ihr die Verkäuferin eine Flasche Sekt als Belohnung für ihre mutige Tat.
Ganz davon abgesehen, dass es eigentlich viel zu wenig war, für das Risiko das meine Nachbarin Uta eingegangen war, ist das Erstaunliche an dieser Sache, dass Jemand so mutig ist und keine Gefahr scheut. Und das in einer Zeit, in der alle bemüht sind, möglichst schnell wegzuschauen um sich ja nicht engagieren zu müssen oder für irgendwen oder irgendwas Rückgrat zu beweisen.