Thema : Pischiater und Pischologen

Ich denke mal, dass jeder weiß, was ich damit meine. Diese Wörter sind fast im Stellenwert der legendären "Unaussprechlichen" angesiedelt. Vielleicht sind sie deshalb auch mit so schwierigen wissenschaftlichen Namen versehen, die im Volks- bzw. Landmund wie vorgenannt ausgesprochen werden. Nicht, dass jetzt jemand auf die Idee kommt, ich könnte nun die Inanspruchnahme der so bezeichneten Fachkräfte verdammen. Weit gefehlt, das Gegenteil wird der Fall sein. Wer also an dieser Stelle glaubt, sich hier infizieren zu können, der benutze schnell rechts oben das Kreuz.

Früher nahm ich es lächelnd zur Kenntnis, wenn ich von dieser Berufsgruppe hörte, dass sie am häufigsten von irgendwelchen "spinnerten" Künstlern oder Schauspielern, bzw. gut Betuchten -die scheint's nicht wussten wohin mit ihrem Geld und worin ihr Lebenssinn noch bestand- frequentiert wurden. Doch im Laufe der Jahre hat sich ihr Image extrem verändert. Plötzlich wurde ich selbst im Bekanntenkreis mit ihrer Existenz konfrontiert. Erstaunlich war, dass es gar keine Durchgeknallten waren, sondern Menschen, die mit beiden Beinen im Leben standen, die plötzlich Hilfe in diesen Praxen suchten. Meine erste Erfahrung mit einem Neurologen -mein Zahnarzt hatte mal eben meinen Trigeminusnerv getroffen und mir meine rechte Gesichtshälfte lahm gelegt- war dergestalt, dass ich dachte: "Ja, der hat ja wohl selber eine an der Klatsche" und daraufhin spontan entschied, da gehst du nicht hin.
Damit nun keiner denkt, dass ich immer noch mit einer mimiklosen Gesichtshälfte herumlaufe, es gab sich im Laufe der Monate wieder und ich bin wieder halbwegs "normal".

Doch vor anderthalb Jahren wurde ich im Rahmen einer Kurmaßnahme selber mit dem Besuch bei einer Psychologin (sonst denkt ihr noch, ich könnte das Wort nicht schreiben) überrascht.

Ich dachte zu dieser Zeit noch, was will die von dir? dir geht es doch gut. Diese Frau war angenehm sympathisch und erschreckend normal. Spontan schenkte ich ihr mein Vertrauen und wir plauderten zwanglos miteinander. Geschickt lenkte sie irgendwann unsere Gespräche und fragte intensiver nach. Ja und dabei kamen dann etliche Defizite im folgenden "Baustellen" genannt zu Tage. Meist waren es feuchtfröhliche Sitzungen, nicht so, wie man es im herkömmlichen Sinne kennt. Immer wieder nahm ich mir vor, dieses Mal kein Taschentuch benutzen zu müssen. Doch diese Frau war so einfühlsam und merkte meine waidwunden Stellen sofort, ohne in mich zu dringen. Sie machte mir in unseren Gesprächen vieles bewusst, indem sie auch Beispiele fand, die verdeutlichten. Kurzum, sie tat mir einfach gut und ich hatte das Gefühl, dass sich endlich mal einer um mein Wohlergehen kümmerte und ich als Mensch wichtig war!!!

Keine Angst, ich werde euch nun nicht mit meiner Krankengeschichte behelligen, noch eine Lanze für Psychologen und Psychiater brechen, nein ich will euch ein wenig für dieses Thema sensibilisieren.

Erschreckend ist es, wie ein großer Teil der Gesellschaft mit Besuchen bei solch "Unaussprechlichen" umgeht. Völlig unbedarft, meine eigene jahrelange Einstellung vergessend, teilte ich mich leider meiner nächsten Umgebung unbekümmert mit. Ich stieß auf eine Wand des Entsetzens, wie - auch ich war befallen? Die meisten Menschen, die sich mit dem Thema nie auseinander gesetzt haben, scheint im besten Fall noch "plötzliches Mitleid" zu befallen, aber schlimmer noch, sie gucken einen an nach dem Motto, ob man schon sehen kann, dass derjenige verrückt ist. Ja, ihr lest richtig: "Verrückt". Wahrscheinlich ist es aber auch die Angst, die unser Gegenüber überkommt, dass der Virus vielleicht überspringen oder dass die alte Redensart: "Begibst du dich je in die Klauen eines Seelenklempners, wirst du ihnen niemals mehr entkommen" doch zutreffen könnte. Vielleicht kommt aber auch leise Panik auf, dass man sich so verändern könnte, dass man nicht mehr für den anderen so berechenbar wäre.

Zwar wird schon hier richtig festgestellt, dass es sich um kein Organ oder Körperteil handelt, aber jeder meint sofort, man hätte etwas am Kopf. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man schon als heimlicher Aspirant auf einen Platz in einer Irrenanstalt galt. Nun glaubt mal nicht, dass ich hier übertreibe.

Nein, nun wirklich nicht!

Der Witz war, dass Menschen von denen man das meiste Verständnis erhoffte, am stärksten reagierten. Ich wurde mit Sätzen konfrontiert, wie: "Was nutzt es dir, wenn du weißt, was in deiner Kindheit schief gelaufen ist, das ist doch nun nicht mehr rückgängig zu machen." 

Wie wahr!

  • Heißt das aber auch, dass ich mit diesen Altlasten mein Leben lang herumlaufen muss? 
  • Heißt das, dass ich falsche Verhaltensweisen ein Leben lang beibehalten muss?
  • Heißt das, dass ich immer die gleichen negativen Erfahrungen machen muss, weil sie durch mich hervorgerufen werden?
  • Heißt das, dass ich nicht merken soll, wieso ich immer auf der Suche nach Anerkennung und Selbstbestätigung bin?

Jeder Mensch hat natürlich seine Defizite, aber ich glaube, dass wir "Nachkriegskinder" Wunden haben, die
einerseits:
durch die Väter, die im Krieg angeblich soviel erlebt haben (wodurch ihr schlimmes Verhalten quasi entschuldigt wird) und
andererseits:
durch das antiquierte Rollenverhalten der damaligen Zeit maßgeblich verursacht wurde.
Dem ein oder anderen gelingt es besser, damit fertig zu werden, aber auch nicht jedes Zuhause war gleich, gebe ich zu bedenken.

Da ich ein sehr kritischer aber auch selbstkritischer Mensch bin, der es gewohnt ist auszuteilen und zugegebenermaßen nur mimosenhaft einstecken kann, musste ich nun gleichzeitig an mehreren Fronten arbeiten. Inzwischen erkenne ich langsam meine Baustellen und werde sie nach Begehung auch wieder verlassen und hoffentlich endgültig schließen.
Meine Umwelt wird sich also irgendwann wieder beruhigt zurücklehnen können und feststellen, dass ich sie nicht derart angekratzt habe, dass sie gezwungen waren über sich nachzudenken, noch, dass sie sich je für mich schämen mussten.

Warum schreibe ich das alles?

Damit sich der Nichtbetroffene mal emotionslos mit diesem Thema auseinandersetzt und es nicht als etwas Verwerfliches ansieht, wenn man sich Hilfe bei einem Facharzt sucht. Schließlich ist es ja auch nicht anrüchig mit Zahnschmerzen zum Zahnarzt zu gehen. Und glaubt denn jemand im Ernst, dass unsere Seele (unser emotionales Gedächtnis *) im Laufe eines Lebens keinen Schaden nehmen könnte???
Diese Seele ist aber das Wichtigste eines Menschen, denn das macht ihn kurzerhand aus und unterscheidet Gut von Böse oder um im Volksmund zu sprechen: "trennt die Spreu vom Weizen." Dürfen wir dann so achtlos damit umgehen und nur immer oberflächlich unsere körperlichen Beschwerden behandeln lassen?

* Diesen Ausdruck habe ich spontan kreiert, keine Ahnung ob es ihn gibt.