Nachwehen +Urlaubsempfehlung

 

Der Chef war früh auf den Beinen und so war die  Visite  schon um 7:10 Uhr. Er versprach mir, dass vormittags die Schläuche rauskommen würden! Na endlich, denn so schmerzte es doch erheblich.

Diese frohe Nachricht berichtete ich gleich meinem Bruder, der um die Mittagszeit zu Besuch kam. Dann endlich Mittagessen, jedoch stürmte die gleiche Schwester 3 Minuten später wieder ´rein: „sie sollen zum Ultraschall“. Ich hatte mein Mahl noch nicht begonnen, aber lehnte kategorisch ab: „Nix da, ich kriege gleich die Schläuche `raus, was soll ich beim Ultraschall?“ Ich ließ mir mein Essen schmecken. Meine Nachfrage ergab dann, dass es wohl doch ein Versehen war. Gut, dass ich nicht obrigkeitsgläubig bin! Mein Essen wäre garantiert kalt geworden.

Ja, aber wann kommt denn der Chef? Vormittag war längst vorbei.

Um 18 Uhr fragte ich mal vorsichtig bei den Schwestern nach. Ein Achselzucken war die Antwort. Aber dann hatte ich meine kompetente Schwester gefunden, die sofort guckte , ob das Auto vom Chef noch da war. Tatsächlich um 21:10 Uhr machte er sein Versprechen wahr. Nun wollte ich mich aber mal ordentlich waschen, denn das Jodzeug versaute mir meine kompletten Klamotten. Meine Frage an die Schwester, ob sie vielleicht Borwasser hätten,  da ich die Pflasterstreifen nicht entfernen könne, wurde knapp verneint (Kostet bestimmt zuviel?). Gut, wenigstens kann ich halbsauber mal eine Nacht verbringen.

  

Plötzlich schob man mir morgens um 7:00 Uhr eine Patientin aufs Zimmer, die sich als eine Kollegin entpuppte. Sie sollte heute noch operiert werden. Spätestens jetzt wusste ich den Fluch der Alleinunterbringung zu schätzen. Sie hatte Kopfschmerzen, deshalb soll ich am frühen Morgen die Rollos herunterlassen, das Fenster zu, die Heizung bitte an und das Radio bitte ausmachen.  Man stelle sich vor, mit der hätte ich eine Woche verbracht! Sie erzählte mir nämlich stolz, dass sie zu Hause immer 24° hätte, und das bei meinen Hitzewallungen.

Hier wurde es mir zu ungemütlich, also besuchte ich die Kleine. Sie sollte auch ihre Schläuche heraus bekommen und zeigte jedem stolz ihre neue Errungenschaft. Außerdem hatte mal wieder keiner (bis auf Elfi) auf  316  - trotz Ohropax -  geschlafen, denn Elfi schnarcht entsetzlich.

Zu allem Überdruss bekamen die drei noch Zuwachs, denn nun wurde noch die Vierte aufs Zimmer geschoben, die nun querstand. Auch das noch, wo man sich die Toilette doch schon mit 6 Frauen teilen musste, denn das Nachbarzimmer hatte von der anderen Seite Zugang, was zu ständigem Ärger führte. Da dort Patientinnen lagen, die schon länger dort beheimatet waren, hatten sie nachts die Toilette okkupiert. Aber heute war zwischen 315 und 316 der Krieg ausgebrochen. Elfi saß ganz erschöpft im Nachthemd in dem badähnlichen Waschraum auf einem Stuhl, ihre Haare standen hoch und sie hatte ein sehr dringendes Bedürfnis, aber von der anderen Seite war zugehebelt, obwohl keiner drauf war. „Sie beanspruchen den Lokus für sich alleine!“ jammerte Elfi. „Na, dann gehe doch auf die Toilette auf dem Flur“, ermuntere ich sie. „Ich kann mich nicht mehr rühren, wenn ich aufstehe ist es passiert“, schimpfte sie und guckte mich ganz unglücklich an. Das war der Auslöser für mich, dass ich mich nun in diesen Bandenkrieg einmischen musste. Ich eilte zur Schwester und bat sie sofort etwas zu unternehmen. Sie versprach, von der Nachbarseite aus aufzusperren. Ich sauste zu Elfi und mahnte sie durchzuhalten. Endlich öffnete sich die Türe und Elfi konnte sich erleichtern. Als sie zurückkam, warf sie mir einen dankbaren Blick zu und meinte trocken: „War halb so schlimm, waren doch  nur Winde“. Na gut, dann hatte ich eben die anderen gerettet.

Ich trottete zurück auf mein Zimmer, P. wurde um 12:00Uhr ins OP geholt. Sorgenvoll riefen im Halbstundentakt der Mann und die Mutter an, aber P. kam nicht zurück aufs Zimmer. Jetzt machte ich mir langsam auch Sorgen und erkundige mich schließlich um 17:00 Uhr, wo sie denn bleiben würde. Die Schwestern gaben mir sogar Auskunft, man glaubte es nicht. Sie musste auf Intensiv bleiben, die Arme.

Wann kommt denn heute die Visite?

Gar nicht, wie sich herausstellte. Meine Narbe schmerzte und war knallrot, aber keiner wollte sie sehen, d.h. wem sollte ich sie auch zeigen?

Dafür besuchte mich eine Patientin - der ersten Stunde- und freute sich, dass sie mich wiedergefunden hatte.

 

P.  kam morgens mit einem Staraufgebot von 3 Schwestern  zurück. War ich vielleicht eifersüchtig?? Die Schwesterschülerin fühlte mir den Puls, maß mein nicht vorhandenes Fieber und wollte mir gerade die Blutdruckmanschette umlegen, als eine der Schwestern, die ich gestern noch nett fand, „Bei der nicht!“ von sich gab. Also soviel Zeit müsste eigentlich sein, dass man jemanden mit Namen anspricht, oder war ich schon zu empfindlich geworden und hatte den Krankenhauskoller?

Das Frühstück kam und mit ihm die Putzfrauen. Wieso eigentlich heute zwei? Eine war für den Boden zuständig und die andere putzte auf der Leiter stehend über alle Rahmen. Oh, wie gemütlich. Endlich hatten wir wieder unsere Ruhe, als die Türe sich wieder öffnete und noch ein Putzteufel hereinschneite. Sie kontrollierte, was die beiden anderen gemacht hatten und fuhr mit ihrem Finger über alle möglichen Stellen. Scherzhaft meinte ich, „über das Kreuz hat sie vergessen zu wischen“. Sofort trat ihr Lappen in Aktion, denn sie war die Vorkontrolle, damit die eigentliche Kontrolle nichts fand. Na das konnte ja heiter werden.

Gott sei Dank hatte sie im Bad etwas entdeckt, was die anderen jetzt nicht mehr finden konnten. Der Direktor und Putzkolonnenvorstand kamen. Ich war im Bad. So ein Pech aber auch. Die spinnen hier doch.

Also machte ich mich auf den Weg die Schwester zu fragen, ob denn heute Visite käme. Ich bekam zur Antwort: “Ich denke schon, wie jeden Tag“. Auf meinen Einwand: „gestern war aber keine da“, bekam ich (von der Netten bis heute!) erst gar keine Antwort.  Ich ließ aber nicht locker: „ich muss das jetzt wissen, sonst kümmere ich mich selbst darum, ich werde heute entlassen“.  Wutschnaubend ereiferte sie sich daraufhin: „wissen Sie, was hier gestern los war?“

Sollte ich das wissen? Na gut, wenn heute kein Arzt kommt, gehe ich eben von selbst (der Chef ist nämlich ab heute im Wintersporturlaub.)

So, das reichte jetzt aber, ich war doch schließlich kein dummes Schaf!

Der Entschluss, den Herrschaften mal Bescheid zu sagen, war geboren.

Die Schwestern bekommen keine finanzielle Anerkennung (wofür auch? Borwasser? Freundlichkeit? Allumsorgende Güte?) stattdessen werde ich den Bogen „Liebe Patienten, geben sie uns Anregungen“, mal ausfüllen.

Aber erst mal Telefon abmelden. Siehe da, welch Glück, es geht nur bis 11:30 Uhr.

Zurück auf dem Zimmer, erlebe ich wie meine Bettnachbarin Ansprüche stellt: „Katheder weg, Kanülen raus“. Der Doktor kommt. Aha, so muss man hier auftreten. Warum hatte mir das nur keiner gesagt. Ich Trottel trug mein Tablett immer schön selbst raus, damit ich nicht zuviel Arbeit machte. Der Doktor machte nicht alles, was Madam P. wünschte, sehr zu ihrem Unwillen. Aber bei dieser Gelegenheit schnappe ich mir den Herrn (schließlich lerne ich schnell) und sage: „Sie machen jetzt mit mir die Abschlussuntersuchung, ich gehe nämlich heute.“

Er kommt auch tatsächlich mit meinen Unterlagen wieder und meint, der Chefarzt hätte gar nicht vermerkt, dass ich gehen dürfe. Mir ist das völlig egal, denn ich gehe auf jeden Fall.

Na gut,  Mittwoch sollten die Fäden gezogen werden und weg war er.

Nun aber zu unserem Patientenleitfaden, damit die werten Herren mal wissen, wie toll man hier betreut wird, denn die Ehre der Vorstellung einer Nachtschwester wurde mir nicht zuteil. Die haben bestimmt gar keine. Ich fragte die Schwesternschülerin, wie sie hieße (kann ohne Brille ihr Schild nicht lesen), weil ich sie lobend erwähnen wollte, was ich ihr auch erklärte. Lasse dann noch mal meinen Frust ab, den sie bestätigte, aber sie könnte nichts sagen, aber ich!

Ich schrieb. Plötzlich stand unsere „Nette bis heute“ Schwester  im Zimmer. Keiner wusste, was sie wollte. Sobald aber meine Bettnachbarin im Bad verschwunden war, setzte sie sich zu mir und fragte mich, ob sie mal mit mir reden könnte. Welch Wunder, zehn  Minuten bevor ich ging. Ich sei wohl nicht so zufrieden gewesen, hätte auch nichts damit zu tun, dass ich was geschrieben hätte. Aber es wäre ja auch wichtig, wenn sie wüssten, was sie falsch machen würden. Na, dann habe ich mal erzählt. Außerdem würde ich denken, dass keiner von ihnen den Beruf ergriffen hätte, weil die Arbeitszeiten oder der Verdienst so toll seien, da müsste doch noch was anderes sein. Mein Vorschlag wäre, den Putzfrauen doch noch beizubringen, die Tabletts hereinzutragen, dann könnten sie den ganzen Tag im Schwesternzimmer verbringen (War das jetzt zu hart? War ich schon über die Strenge geschlagen?). Unerbittlich setzte ich mein Werk fort.

Mich hätte an keinem Tag mal jemand gefragt, wie es mir gehe. Mir hätte keiner geholfen, das dämliche Jod oder die blöden Pflasterstreifen vom Körper zu kriegen,  stattdessen hätte ich lediglich dumme und nichtwissende Antworten bekommen. Außerdem hätte es keiner für nötig befunden mir  die Pflaster von Dienstag mal zu erneuern.

„Ach nein, so was, lassen Sie doch mal sehen, Moment, ich hole ihnen sofort neue. Wir Schwestern dürfen so etwas nämlich eigentlich nicht“, säuselte sie.  Nein? Schwestern dürfen keine Pflaster wechseln?  Die Schwester sagte: „warten Sie noch einen Augenblick!“ und kam eilends mit Waschbenzin, Pflastern und Mulltüchern an Land. Und siehe da, sie versucht mir -5 Minuten bevor ich gehe- mein Jod und die Pflasterreste zu entfernen und darüber hinaus gab sie mir sogar noch Kompressen mit. Wie freundlich, warum nicht eher? Hätte ich mich jetzt stolz verweigern sollen? Nein , eigentlich machte sie jetzt ihren Job.

Sie verabschiedete mich äußerst freundlich, da inzwischen auch mein Sohn da war, um mich abzuholen. Änderte das nun meine Meinung, noch hatte ich den Wisch nicht in den Kummerkasten eingeworfen?

Nichts da, wenn das alles erst zum Schluss klappt, hatten die anderen Patienten auch keine Chance. Ich warf meinen Kommentar ein und war stolz auf mich. So ging es schließlich nicht.

Beim Herausgehen kommt mir ein junger Mann mit Baby entgegen und fragt mich, ob ich Fr. W. sei. Als ich nickte, zückte er einen wunderschönen Blumenstrauß und bedankte sich bei mir, da ich so freundlich am Telefon gewesen war, denn er sei der Mann meiner Bettnachbarin. Ja, ist es denn nicht nett? Der Tag war gerettet.

Zu Hause angekommen, stellte ich dann fest, dass ich vor lauter Zirkus vergessen hatte, meine Röntgenaufnahmen wieder mitzunehmen. Also würde ich dieses Krankenhaus doch noch mal besuchen müssen, was soll`s???

Die Fäden werden gezogen.

Da ich von der Kunst der Ärzte in diesem Krankenhaus überzeugt war, fuhr ich dann 4 Tage später mittags zum Krankenhaus um mir meine Fäden ziehen zu lassen.

Ich fand sofort einen Parkplatz und musste nur 3/4 Stunde warten bis sich der Oberarzt mit mir beschäftigte. Die Fäden ließen sich relativ erträglich ziehen. Ich bekam noch eine entzündungshemmende Salbe und wurde ermahnt auf jeden Fall am nächsten Tag wieder zu kommen, falls ich noch Schmerzen hätte. Aber Pustekuchen, nicht noch mal!!!!

Jedenfalls war ich schon auf dem Heimweg, als mir einfiel, dass ich doch noch eine Narbe hätte. Ich hatte sie noch nie gesehen, aber meine Waschschwester hatte mir erzählt, dass die Entfernung des Muttermales mit 2 Stichen genäht wurde.

So durfte ich also noch einmal zurück, mich wieder um einen Parkplatz bemühen, mich wieder in der Reihe anstellen und den ungläubigen Blicken der Wartenden aussetzen. Wie, Sie waren doch schon mal hier? mich wieder aus- und anziehen. Aber auch diese Fäden mussten raus, wollte doch kein Nähkästchen aufmachen.........

Irgendwann kam ich dran und sah den erstaunten Blick des Oberarztes. Ich schätze ungläubig über seine eigene Dummheit. Er suchte mich auch komplett ab, um nun keine Fäden mehr zu übersehen, vorher wäre besser gewesen.

Hier ist meine Odyssee nun endlich beendet.

Ich schätze sie hat mich weitere 4 graue Haare gekostet.

Meine Empfehlung an Sie:

Sollte Ihr Leben langweilig und trist sein, dann legen Sie sich doch einfach mal in dieses Krankenhaus und ich verspreche Ihnen, Sie werden noch Wochen später davon reden..................