Krankenhausroutine

Das Telefonat mit der Aufnahme gestaltete sich auch nicht so wie ich erwartete, man hatte nicht auf mich gewartet und das, obwohl die Krankenhäuser solche Kostenprobleme haben? Nein, man klärte mich auf, dass es sogar Vierbettzimmer gäbe. Meine Frage, ob der Chefarzt denn nur 4 Belegbetten hätte, wurde lachend verneint, sie wollte nur einen Hinweis darauf geben, wie stark sie belegt seien. Freundlicherweise nahm sie mich jedoch in ihrer Kartei auf, als ich das Wort „privatversichert“ fallen ließ. Na geht doch! Es ist schon schlimm diese Zweiklassengesellschaft im Gesundheitswesen.

Dann kam der

 

   

Meine Tasche war so schwer, als ob ich vier Wochen in Urlaub fahren wollte. Hatte ich mich auch überall abgemeldet? Die Stubentiger waren in liebevoller Obhut.  Sollte ich meinen Sohn noch über meine Vermögensverhältnisse aufklären, bzw. über den Fundort meiner diversen kleinen Aktiengeschäfte? Ich verzichtete darauf, denn was sollte schon schief gehen, bin doch schließlich ein „Sonnenkind“.

Frohen Mutes stiefelte ich also auf Station 3  und suchte die  Gruppe 31, die ich auch rasch fand. Hier wurde ich herzlich begrüßt und konnte mich schon mal meiner schweren Tasche entledigen. Man nahm die ersten Formalitäten auf und bot mir Kaffee an und ich harrte dann der Dinge, die da kommen sollten.

Zuerst mal kam eine kugelige, nach Atem ringende Frau, die heute alle Untersuchungen mitmachen musste, um am nächsten Tag eine Ausschabung über sich ergehen zu lassen. Schwer schnaubend nahm sie neben mir Platz. Eine Mitpatientin schenkte mir ein Lächeln und auch ihre Zeitung, damit ich was zu lesen hatte.

Dann öffnete sich die Flurtür abermals und hereingewalzt kam eine unansehnliche, wirklich fette, unvorteilhaft gekleidete Matrone, die sich keuchend auf einen Sitz fallen ließ. Sie entpuppte sich als Schwester meiner Sitznachbarin. Sie stöhnte ob der Anstrengung, und murrte, dass das Arbeitsamt ihr lediglich 810,-DM Stütze überwiesen hätte, die sogleich für Miete drauf gehen würden. Gleichzeitig zog sie die Versicherungskarte und den Überweisungsschein der Schwester hervor, die scheinbar zu blöd war, selber daran zu denken. Deren Kummer rührte mich aber doch so, dass ich ihnen beiden meine Kaffeebrezel anbot, auf die sich beide gierig stürzten.

Meine reizende "Schwester" erschien nun wieder und meinte, dass sie für mich leider noch kein Zimmer hätte, da aber bei der Visite wahrscheinlich zwei Patientinnen entlassen würden, könnte es höchstens bis mittags dauern und ich sollte mich doch schon mal bei der Patientenaufnahme anmelden, was ich auch umgehend erledigte.

Hätte ich hier geahnt, dass mein Dilemma mit dem Zweibettzimmer anfing, hätte ich prompt darauf verzichtet. Nun nahm das Unglück seinen Lauf.

Der Fluch des Privatpatienten ereilte mich und verschlug mich auf die Wöchnerinnenstation, da zum Leidwesen meiner gütigen Krankenschwester doch keiner entlassen wurde.

Das Zimmer 327 war ein sehr schönes, helles Zimmer, und zufällig war für mich der Fensterplatz frei (ich sag’s ja wieder: Sonnenkind). Das  Bad hätte jedem Hotel Konkurrenz gemacht, so chic und großzügig war es.

Meine Bettnachbarin war eine 38 Jährige, die gerade in der Nacht von einem Mädchen entbunden wurde. Sie erzählte mir, dass sie nur kurz bleiben würde, weil die Schwestern sie auf ein anderes Zimmer schieben wollten. Kurios war, dass ihr Mann sofort auf mein Buch „Endlich Wunschgewicht“ aufmerksam wurde und mir lächelnd erklärte, dass er es auch gelesen hätte und seit Februar 7 kg abgenommen hätte. Also das motivierte doch, weiter zu lesen.

Nun wurde ich von weniger freundlichen Schwestern, die sich teilweise nicht mal vorstellten, zu diversen Untersuchungen wie EKG, Ultraschall, Lungenröntgen geschickt, bei denen ich immer dieselben Leutchen wieder traf, die alle gleich mir am nächsten Morgen unters Messer sollten.

Verena, ein Mädchen von 19 Jahren, wie sich später herausstellte, hatte ich gleich in mein Herz geschlossen, was wohl auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie wurde zu allen Untersuchungen von Muttern begleitet, die ich als eigentliche Patientin identifiziert hatte. Irgendwann saßen wir (Verena und ich) dann mal alleine vor einem Untersuchungstor. Da man ihr so gar nichts ansah, fragte ich sie, warum sie denn da sei. Sie erklärte mir, sie wolle sich ihre Brust verkleinern lassen. Natürlich fand ich dies sehr ungewöhnlich in einer Zeit, in der sich etliche Frauen eher ein paar Gramm Silikon mehr einpflanzen lassen. Sie hatte sich diese Entscheidung gut überlegt und ich wollte sie auch nicht nachdenklich machen, denn wer sich in diesem Alter zu solch einem Schritt entscheidet, dessen Leidensdruck muss groß sein. Dann saß da noch eine Gebärmutterentfernung, eine Frau im fortgeschrittenen Alter. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass sie unser Totalausfall war, denn sie wurde erst mal nicht operiert.

Der gleiche Fall, in hübscherer hellblonder Ausführung, saß dann noch mal auf der Bank. Sie war auch eher mein Schlag und redselig. Außer zwei Ausschabungen hatte unsere Truppe sonst nichts Aufregendes mehr zu bieten. Auf diese beiden „Damen“ lohnt es sich auch nicht näher einzugehen.

Durch unseren  ständigen Rundlauf waren immer irgendwelche Zimmer besetzt. So fand dann meine Aufklärung auf dem Flur statt. Die Ärztin hatte es sehr eilig, und machte das Ganze  mit mir im Hauruckverfahren, so dass ich bis zum Schluss noch immer nicht wusste, wo mir ein Draht zum Markieren eingeführt werden sollte.

Sie erwies sich aber als sehr erfolgreich, da sie nach ihrer Ultraschalluntersuchung plötzlich noch 2 weitere Knoten entdeckte, unglücklicherweise in jeder Brust einen. Nur den, für den ich eigentlich gekommen war, fand sie nicht. Über meine mitgebrachten Kernspinnaufnahmen rümpfte sie nur die Nase. Keiner der Ärzte hat sie sich großartig angeguckt. Inzwischen ist mir auch klar, warum. Sie konnten sie alle nicht lesen, denn wer kennt sich mit dieser modernen Untersuchungsmethode schon aus. Sie gab mir dann ein Formular mit, worauf ich mir in Ruhe noch mal alle Risiken angucken könnte. Sie brauchte es nur nachher unterschrieben zurück.

Dann ging es zum Chefarzt.

Wir saßen alle wie die Hühner auf der Stange vor dem Sprechzimmer unseres weißen Gottes. Eine halbe Stunde tat sich mal gar nichts. Hauptsache wir saßen schon mal da. Ich ulkte schon und meinte, dass er sich erst noch stärken müsse, um mit uns allen fertig zu werden, was auch ein zaghaftes Gelächter erzeugte. Dann erschien der Schwarm aller Hoffenden mit energischem Schritt. Als er so vorbeibrauste, konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen, welch ein Glück er hätte, dass so viele Verehrerinnen geduldig auf ihn warteten. Alles lachte, auch er.

Dann aber kam der totale Hammer. Es wurden die ersten beiden Patientinnen aufgerufen, die dann aber plötzlich zur Toilette mussten. So standen in kürzester Zeit drei Frauen vor  dem Örtchen. Ja isses möglich? Ich wurde als Privatpatientin zu einem „besseren“ Behandlungszimmer geführt, was dazu führte, dass ich als Letzte aus unserer Reihe dran war.

In dem Wartezimmer saßen schon 2 Lehrerinnen wie ich blitzschnell aus ihrer Unterhaltung schloss.  Es dauerte nicht allzu lange, bis ich mich an ihrer Unterhaltung beteiligte. Von zu großen Klassen, über lethargische Lehrer, und kaum noch die Möglichkeit als Erzieher zu fungieren bis hin zu den Ordensschwestern ging unser Themenreigen. Als jedoch die ältere Pensionierte meinte, es sei früher schon gut gewesen, dass die Lehrerinnen nicht heiraten durften, horchte ich aber auf.  Meines Erachtens war das aus Gründen der Gleichberechtigung nämlich überhaupt nicht in Ordnung, weil die Lehrer schließlich heiraten durften, und ich als Betroffene, als erste Klassenlehrerin eine alte Jungfer hatte, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte, weil sie eben selbst nie  Kinder bekommen hatte. Nachdem ich dieses sehr energisch gesagt hatte, sah ich wie die andere Kollegin genüsslich grinste.

Au Backe, das war mal wieder ein Volltreffer wie sich anschließend herausstellte. Die Ältere war sichtlich erleichtert, als sie aufgerufen wurde. Die andere beugte sich vor und sagte, wie gut sie es fände, dass man dies ihrer Kollegin mal gesagt hätte, das hätte nämlich vorher nie einer gewagt.

Endlich wurde ich aus meiner peinlichen Situation befreit und vom Chef untersucht. Er bestätigte das Urteil seiner Kollegin und meinte zu allem Überfluss noch, dass die „2 Knoten“ gar kein Problem seien, aber der Einlieferungsgrund ihm Sorgen machen würde,...... die ich mir fortan auch machte.

 Nicht gerade glücklich trottete ich -begleitet von den besten Wünschen meiner Lehrerinnen- wieder auf meine Station.

Meine Frau Doktor nahm die Unterlagen entgegen und fragt mich erwartungsvoll, ob der Chef ihre Malkünste (sie hatte die Knoten auf meiner Brust mit Faserstift in rot markiert) bestätigt hätte, was ich bejahte. Plötzlich fiel mir mein Aufklärungsbogen wieder ein und da ich der Meinung war, dass sie ihn zuletzt hatte, fragte ich danach. Oh weh, da hatte ich aber was veranstaltet. Wie eine Furie durchblätterte sie meine Krankenakte und schimpfte dabei immer wieder; „Also gucken Sie bitte noch mal in ihren Unterlagen nach, das kann ja wohl nicht wahr sein, dass jetzt die ganze Arbeit umsonst war und ich das alles nochmals aufnehmen muss“. Ich war so geplättet, dass ich sofort auf mein Zimmer stürmte um besagten Bogen zu suchen, und siehe da, er war in meiner Schublade. Sofort lief ich wieder zu dem Glashaus (da ich auf der Wöchnerinnenstation untergebracht war, saßen die Schwestern in einer geschlossenen Glaskabine, damit kein Baby geklaut wurde) und präsentierte glücklich meinen Fund, der mit einem gnädigen Kopfnicken zur Kenntnis genommen wurde. Zurück auf meinem Zimmer (inzwischen lag ich alleine) öffneten sich meine Tränendrüsen und taten ihre Arbeit.

Ich konnte ihr Werk gar nicht stoppen, so liefen die Tränchen. Da öffnete sich die Tür und eine nette Schwester kam herein, die mich bestürzt fragte, was ich denn hätte. Mein Kommentar darauf war, dass sie der Ärztin doch sagen solle, sie hätte besser Holzfällerin werden sollen. Dann rief ich meine Freundin Gertie an und sagte ihr, dass es jetzt Zeit für einen Besuch sei. Sie kam auch sofort und baute mich wieder auf. Nun ging es mir schon besser.  Ich blieb auf meinem Zimmer um den Anästhesisten nicht zu verpassen und guckte daher neugierig auf die Tür, als diese sich öffnete. Doch da stand nur meine „Lieblingsärztin“ mit noch einer schwarzhaarigen Schönheit, die sich als Ärztin Alexa soundso vorstellte und erklärte, dass sie jetzt den Aufklärungsbogen zu zweit bei mir "einfordern" würden. Wenn ich noch Fragen hätte, sollte ich sie jetzt stellen, während Alexa abschwächte und sagte, dass sie auch noch abends da sei und ich sie gerne fragen könnte. Ich hatte keine Fragen mehr, mir war inzwischen völlig egal, wo welcher Draht hereingeschoben wurde.

Sie rauschten ab. Der Narkosearzt führte sein Gespräch mit mir und klärte mich auf, er meinte, dass ich dann abends ein Pillchen bekäme, wonach ich dann ruhiger schlafen könnte. Er wüsste nicht, ob wir das morgens  auch hinkriegen würden. Perplex fragte ich: „Denken sie, ich könnte die dann nicht mehr nehmen?“ „Nein“, meinte er, „wegen der Markierung“. Da war sie wieder, die Markierung, von der ich nicht wusste, wie sie dahinkam. Nichts desto trotz würde ich mich am nächsten Tag überraschen lassen.

Zur Belohnung gab es dann noch Abendessen, anschließend wurde ich dann noch mit einer Rasur und einem Einlauf überrascht. Das war geschafft, nun konnte es losgehen, aber der Service in diesem Krankenhaus klappte nicht.

Wo blieb denn die Nachtschwester? Gibt es hier keine?

Da die Pille nicht kommt, hole ich sie bei der Nachtschwester um 21:45 Uhr selber ab, denn schließlich soll ich sie bis 22:00 Uhr genommen haben. Kein Schuldbewusstsein oder Entschuldigen, das scheint hier normal zu sein.

Ich laufe noch mal zur Parallelstation, um in Erfahrung zu bringen, als wievielte ich auf dem OP-Tisch landen würde. Schließlich will man ja nicht mehr dran sein, wenn der Chef schon abgearbeitet und fahrig ist. Beruhigt nehme ich zur Kenntnis, dass ich die Zweite bin. 

Fortsetzung folgt...