Ich bin ja nur eine kleine Verkäuferin

Morgens um 6.00 ist die Welt noch in Ordnung. Ich schließe nach einem kurzen Weg durch strömenden Regen den Markt auf und freue mich - noch – über die himmlische Ruhe.
 Die morgendlichen Arbeiten gehen mir leicht von der Hand und keiner stört mich. Nach und nach trudeln die anderen Kollegen und Kolleginnen ein, viele sind wir ja nicht seit der letzten Personalkürzung.
Ich mache die Kassen fertig und singe frohgemut vor mich hin.
Doch dann strömen die ersten Kunden in den Markt. Einige gut ausgeschlafen und freundlich, die meisten jedoch muffelig.

Doch wir lächeln – noch!

Die Fleischtheke ist frisch bestückt, die morgendlichen Lieferungen im Markt werden noch verstaut, mitten im Gang vor den Regalen unterhalten sich seelenruhig zwei Hausfrauen und stehen im Weg.

Doch ich bin freundlich – noch!

Eine gut gekleidete Kundin herrscht mich barsch an, weil ausgerechnet das Produkt, welches sie kaufen wollte, an diesem Tag nicht geliefert wurde.

Ich lächele trotzdem – noch!

Der Bezirksleiter stattet uns mal wieder einen Besuch ab, inzwischen habe ich rasende Kopfschmerzen.
Ihm gefallen die Aufbauten nicht, die wir so mühsam erstellt haben. Also umbauen.

Wir lächeln – noch!

Es ist Mittag, der Markt ist proppevoll. Den Kunden geht es nicht schnell genug an der Kasse, weil eine Kassiererin sich zum Mittagessen in den Aufenthaltsraum zurück gezogen hat. Sie klingelt wütend und schimpft und alle anderen stimmen in den Chor mit ein. Die Kassiererin kommt zwangsläufig kauend zur Kasse.

Sie lächelt - noch!

5 Kunden wollen gleichzeitig etwas von mir wissen. Das Telefon klingelt pausenlos, mir brummt der Schädel und meine Füße brennen wie Feuer. Mein Magen knurrt, doch ich kann nicht weg. Es wäre sonst niemand mehr im Markt.

Ich lächle – noch!

Allerdings friert mir das Lächeln langsam im Gesicht ein!
Unser höchster Chef trifft mit Gefolge ein. Ihm gefallen die Aufbauten, die wir gerade auf Anordnung des Bezirksleiters umgebaut haben, nicht. Also wieder umbauen. Jetzt stehen sie wieder so wie vorher.

Wer lächelt da – noch?

Es ist 5 Minuten vor 20.00. Endlich Feierabend! Weit gefehlt. Eine betagte Rentnerin schnappt sich einen Einkaufswagen und wandert in aller Ruhe durch den Markt. Die Beleuchtung geht aus, doch sie kann sich immer noch nicht entschließen, was sie kaufen möchte. An der Fleischtheke möchte sie auch noch 250g Hackfleisch haben. Der Fleischwolf wurde eben gesäubert.

Und wer lächelt da - noch?